Gewagte These: Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin

Schon die Überschrift wird Manche emotional werden lassen :-)

Aber warum sollte man mal nicht groß, unvoreingenommen und vermeintlich grenzüberschreitend denken?

Beide Fachgebiete, die Allgemein- und die klinische Notfallmedizin haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen...

 

Allgemeinmedizin

Weiterbildungsassistenten der Allgemeinmedizin suchen meistens generalistisch ausgerichtete Ausbildungsorte in den Kliniken, wie es für den Facharzt Allgemeinmedizin vorgeschrieben ist. Ein Einsatz in einer spezialisierten Abteilung für ein vergleichsweise kleines oder die Allgemeinmedizin nicht sehr relevantes Fachgebiet ist wenig hilfreich. In der Hausarztpraxis sind jedoch dann die Kollegen aus der Klinik gefragt, die von dort breite praktische Fertigkeiten mitbringen. Die Beherrschung von Notfallsituationen ist ebenfalls eine wichtige Fertigkeit. Manch Weiterbildungsassistent ist sich noch nicht sicher, ob er sich wirklich niederlassen oder doch lieber in einer Klinik arbeiten möchte und würde sich daher gerne beide Optionen offenhalten.

 

Innerklinische Notfallmedizin

Die deutsche innerklinische Notfallmedizin kämpft seit vielen Jahren engagiert aber bisher frustran um die Facharztanerkennung. Alle Initiativen wurden bisher leider erfolgreich von den alten etablierten Fachgesellschaften abgeblockt, weil man die Notfallmedizin für sich selbst beansprucht und sie daher nicht "abgeben" möchte. In vielen Kliniken gibt es zwar interdisziplinäre Notaufnahmen und manchmal auch als eigenständige Abteilung, aber einen eigenen Facharzt konnte man noch nicht erreichen. Ist das wichtig um ernst genommen zu werden? Das vermutlich nicht, denn dies hängt von anderen Faktoren ab, aber es ergibt sich für junge Ärzte in den Notaufnahmen daraus ein großes Problem: Für eine Leitungsfunktion in der Notaufnahme ist eine Facharztbezeichnung essentiell. Und so müssen die Weiterbildungsassistenten hierfür zumeist gegen ihren Willen und ohne weiteren Sinn aus der Notaufnahme hinaus rotieren um das Logbuch für das jeweilige Fach zu füllen. In dieser Zeit fehlt jedoch die genrealistische disziplinenübergreifende Ausbildungszeit in der Notaufnahme. Begnadete Notfallmediziner versauern so als chirurgische Assistenten im OP oder als Stationsarzt in einer hoch spezialisierten internistischen Abteilung fernab der Akutmedizin. 

Und auch für altgediente und erfahrene Notfallmediziner gibt es ein weiteres Problem, selbst wenn es einen Facharzt innerklinische Notfallmedizin geben würde: Es gibt keine Exitstrategie aus der Klinik, wenn man aus welchen Gründen auch immer in die ambulante Versorgung wechseln möchte.

 

Ein Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin könnte in beiden Einsatzgebieten eine Bereicherung und Entlastung darstellen. Es würde die Ausbildung Allgemeinmedizin durch die Rotation in eine Notaufnahme pragmatischer und zielgenauer werden lassen, zudem würde es die Tür in die Klinik offen lassen, weil verständlicherweise nicht jeder dauerhaft im ambulanten Sektor tätig sein möchte. Jeder Allgemeinmediziner hätte somit auch ein besseres Verständnis für die Kollegen in den Notaufnahmen und ihre Bedürfnisse an den Zuweiser bzw. Nachbehandler.

In den Notaufnahmen gäbe es endlich eine Karrierechance für junge Notfallmediziner und eine Exitstrategie in den ambulanten Sektor. Eine obligate Rotation in die Allgemeinmedizin würde auch hier das gegenseitige Verständnis und die Kooperation fördern. Als kleines Beispiel sei hier angeführt: "Was, ihr könnt in der Allgemeinmedizin gar kein Magenschutz prophylaktisch verordnen?" Da würde manches Weltbild ins wanken geraten ;-)

 

Ich würde den Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin nicht als Ersatz für die bisherigen Facharztbezeichnungen betrachten oder alle Kollegen in den Notaufnahmen und Notaufnahmen nochmal zur Facharztprüfung scheuchen. Alle Fachgesellschaften sollen doch ihre Gebietsansprüche an der Notfallmedizin getrost behalten. Es wäre für mich nur eine zusätzliche neue Alternative um jungen Ärztegenerationen eine attraktive Karrierechance mit einem Maximum an Praxisrelevanz zu bieten. Die Nachwuchssorgen in beiden Bereichen könnte relevant reduziert werden

 

Auch wenn es für mich schlüssig und clever erscheint, so ist mir schon klar, dass es eine gewagte These ist und man mit erheblichen Widerständen des Establishments rechnen müsste. Aber wenn sich die Fachgesellschaften aus der innerklinischen Notfallmedizin und der Allgemeinmedizin einig wären, gäbe es eigentlich keine stichhaltigen Argumente mehr dagegen.

 

Ich wäre jedenfalls begeistert dabei hier in den Diskurs zu gehen und mich an der Entwicklung dieser genrealistischen Ausbildung ein zu bringen. Und wenn schlussendlich auch nichts aus dieser Idee wird, so ist man zumindest mal wieder in die Diskussion gekommenen findet vielleicht eine andere (und u.U. auch bessere) Lösung für die bestehenden Probleme. Manchmal braucht es Leute (wie mich), die provokativ eine visionäre These aufstellen um Bewegung in eine ins Stocken geratene Sache zu bringen.